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Rundgang


Zu den wichtigsten Gegenständen der Inneneinrichtung evangelischer Kirchen gehören Altar, Taufstein und Kanzel. Der Taufstein ist der Ort, an dem Menschen, die sich für den Glauben an Christus entschieden haben, getauft werden und in die christliche Gemeinschaft aufgenommen werden. Der Altar ist der Tisch, an dem das Abendmahl gefeiert wird. Was bei der Taufe begründet wurde, wird hier erneuert. Taufe und Abendmahl sind die beiden Sakramente in der evangelischen Kirche. In der katholischen gibt es sieben (Taufe, Eucharistie, Krankensalbung, Priesterweihe, Firmung, Hochzeit, Buße). Die Kanzel ist deswegen wichtig, weil hier das Wort Gottes in die Gegenwart hinein gesprochen wird. Für Luther war die Schrift allein Grundlage des Christentums, keine Kirche und keine geweihten Amtsträger. Darum hat in der evangelischen Tradition die Verkündigung des Wortes Gottes einen sehr hohen Stellenwert. Entsprechend ist bis heute der schwarze Talar, den der Prediger trägt, das Gewand des Universitätstheologen.

Altar

Der Altar der St. Marien-Kirche wurde im Jahr 1765 anlässlich des Friedensschlusses von den dankbaren Bürgern der Stadt Herzberg für die Verschonung im siebenjährigen Krieg gestiftet. Das belegt ausführlich die Rückseite des Altars (Abb): »Theurer Heiland - da dein Walten uns im Kriege so erhalten, dass des Feindes schwere Hand Kirch und Stadt nicht abgebrannt, weihn - erlöset aus Gefahr - dir wir diesen Dankaltar. Mit dem Flehen, mit dem Bitten, bleibe ferner in der Mitten. Dein Gedächtnis soll allein unsers Segens Quelle sein. Am Tage der Einweyhung, den 11. August 1765.«).
Darüber sind die Namen der Baumeister H. G. Mertz, Bildhauer von Torgau, C. Zimmermann, Steinhauer von Torgau, C. G. Walde, Mauermeister in Herzberg, genannt.
Das Altarbild steht im Zusammenhang mit diesem Ereignis. Das belegt auch die lateinische Inschrift unterhalb des Altarbildes:
CHRISTO. THEANTHROPO.
T[heo]O[ptimo] M[aximo]
FORTUNATO.ALMAE.PACIS
INTER DEVM HOMINESQVE
CONCILIATORI
atque
PACIFICATORI
INTERPOSITA MDCCLXIII d.xv a cal. mart
PACIFICATIONE HUBERTIBURGENSI
ALTARE HOC
IN
PERPETUAE INSTAURATAE.QUIETIS
PUBLICAE.ATQUE.PRIVATAE
MEMORIAM
MONIMENTUM
PONIT POSUITQUE
BELLO.SEPTENNI.VEXATA.ATQUE.SERVATA
VOTIQVE DAMNATA
CIVITAS ECCLESIAQUE.HERTZBERGENSIS
 
Christus. Gottmensch.
dem allergütigsten, allerhöchsten Gott
der das Glück des Vaterlandsfriedens [verliehen]
zwischen Gott und Mensch
Vermittler
und
Friedensstifter
hat am 15. Februar anno 1763
zur Hubertusburger Friedensstiftung
diesen Altar
zur
Kontinuität andauernder Ruhe
für alle gemeinsam und jeden einzelnen
zur Erinnerung
ein Monument
gesetzt und gegründet,
die durch den Siebenjährigen Krieg erschütterte wiewohl bewahrte, zur Erfüllung des Gelübdes verpflichtete Stadt und Kirche zu Herzberg
 
Diese Inschrift verdankt sich dem Superintendenten Dr. Gottlieb Clemenz.
Im Mittelpunkt des Retabels steht die Szene im Garten Getsemane (Mk 14,32-42). In dieser Stunde großer Angst wird mit den Strahlen, die von oben links kommen, an Jesu Taufe erinnert (Mk 1,11), und damit an die Zusage, dass Gott an seinem Sohn Wohlgefallen hat. Der Strahl rechts weist mit dem Engel, der den Kelch in der Hand hält, schon auf die Heilsbedeutung des Abendmahls. Die Christen der Stadt Herzberg deuteten offensichtlich rückblickend ihr Geschick während des Krieges mit dem Schicksal Jesu im Garten Getsemane.
Links die Figur Jesu mit Siegesfahne. Bisweilen wird diese Gestalt wegen der weisenden Geste ihrer rechten Hand auch für Johannes den Täufer (Wegbereiter Jesu) gehalten (Denkmaltopographie 7.1, 142). Diese Annahme wird man wegen der Siegesfahne, die sonst immer der auferstandene Christus trägt und der Inschrift im dazugehörigen Medaillon nicht halten können: »Jesus Gottes Vatters Ehr.« Auf der rechten Seite steht eine Mosefigur, leicht erkennbar an den Gesetzestafeln. Auf dem Medaillon: »Mose donre nur nicht mehr.« Die beiden Figuren repräsentieren die Stiftergestalten des Judentums (Mose) und des Christentums (Jesus). In der paulinischen Theologie, die für die Kirche seit der Reformation noch einmal besondere Bedeutung erlangt hatte, stehen sie für Gesetz und Evangelium: Mose für die Tora, Christus für die Freiheit vom Gesetz. Diese Engführung der jüdischen Tora auf »das Gesetz« wird dieser umfassenden jüdischen Lebenslehre in keiner Weise gerecht.
Die Figur oben auf dem Altar kann auch nicht Gottvater sein (gegen Denkmaltopographie 7.1, 142). In dem aufgeschlagenen Buch steht das Bibelwort »Ich habe es von dem Herrn empfangen«, das in der Bibel Paulus zugeschrieben wird (1Kor 11,23). Dass die Figur mit Paulus zu identifizieren ist, schreibt auch Johann Schulze in seiner Chronik (Schulze, Johann Christian: Chronik der ehemaligen Chur- und jetzigen Kreisstadt Herzberg. Nachdruck der Ausgabe von 1842. Herzberg 2011, 221).
Das Medaillon unter der Figur »Ich will meine Gelübde dem Herrn bezahlen für allen seinen Volk.« erinnert an Ps 22,26.
Auf dem Altar stehen Kruzifix, Kerzen, und Blumen. Entscheidend ist das Kruzifix: Hier ist ein Ort, an dem nicht mehr geopfert werden kann. Christi Kreuz »besetzt« es. Die Verbindung zu Gott geschieht im Beten. Im Gottesdienstbuch, das auf dem Altar liegt, sind alle Gebete und Gesänge für den gottesdienstlichen Gebrauch enthalten. Auf manchen Altären, vor allem in den Dörfern, liegen anstelle dessen Bibeln. Das geht auf eine unter Friedrich-Wilhelm III. eingeführte Tradition zurück, und die den Altar als Ort der Darstellung der zwei refomatorischen Grundsäulen »solus Christus« (Kruzifix) und »sola scriptura« (Bibel) inszeniert.

Taufstein

Weil die Taufe der Eingang in das Leben als Christ ist, gehört der Taufstein eigentlich in den Eingangsbereich einer Kirche. In jeder mittelalterlichen Kirche ist das ursprünglich so gewesen. In den katholischen kirchen erinnern bis heute die Weihwasserbecken am Eingang daran.
Unser Taufstein stammt aus dem Jahr 1624. Er ist aus schwarzem Serpentin, kelchförmig mit oktogonalem Abschluss von Elias Weißbach, Zöblitz. Der oktogonale Abschluss symbolisiert den 1. Tag der Woche, nach jüdischer Zählung also auch den achten, also den Tag der Auferstehung. An allen Kirchengebäuden weist die Zahl 8 auf die Auferstehung und das neue Leben in Christus hin. Die Zahl findet sich z. B. beim Oktogon am Turm wieder.
Das oberste Spruchband, das den Taufstein umzieht, beinhaltet ein Zitat aus Mk 16,16: „WERDA GLEYBET VND GETAUFT WIRD DER WIRD SELIG WERDEN. WER ABER NICHT GLEVBET DER WIRD VERDAMPT WERDEN. MARCI XVI VER XVI ANNO MDCXXIIII
Das zweite Spruchband enthält ein Bibelzitat aus Gal 4,28: WIE VIEL EUER GETAUFT SIND, DIE HABEN CHRISTVM ANGEZOGEN GALAT: IIII VER XXVIII
In dem runden Ring, der auf der dem Altar zugekehrten Seite zu sehen ist, ist wahrscheinlich der Name des Künstlers festgehalten: Elias Weissbach, zu Zöblitz.
Das dritte Band enthält die Buchstabenreihenfolge
MG ‖ TS ‖ CO ‖BP ‖AR ‖ AS ‖ BD ‖ FF ‖ CI ‖ vi ‖ TA ‖ HE ‖ RT ‖ ZB ‖ ER ‖ GK
Johann Schulze deutet in seiner Chronik den ersten Teil als Anfangsbuchstaben folgender 16 Titel und Namen:
M. G[eorg] T[auth] S[uperintendent]
C[hristoph] O[hkel], B[ürgermeister]
P[aul] A[rnold], R[ichter] (Stadtrichter)
A[rchidiakonus] S[teiffius] und B[erger]
D[iaconus] F. F.
CIVITA HERTZBERGK
Das vierte Band enthält die stilvoll unterbrochene Aufschrift: FVRCHTE GOTT HALT SEIN GEBOT
In der Grochwitzer Kapelle steht ein weiterer Taufstein aus der Zeit um 1800.

Die Kanzel

Die Kanzel im Mittelpunkt der Kirche gibt Zeugnis von der reformatorischen Gesinnung der Gemeinde in der Barockzeit.
Der Kanzelkorb ruht auf dem Haupt des Apostels Paulus, der immer an seinem Schwert zu erkennen ist, weil er ein Kämpfer für den Glauben war. Er ist wohl der erfolgreichste Prediger im Christentum gewesen - jedenfalls ist von seinen Gemeindegründungen im ganzen Mittelmeerraum etwas zu merken gewesen.
Der Kanzelkorb zeigt in der Mitte Christus, den Weltenherrscher (mit der Weltkugel in der Hand), der Tod und Teufel mit dem Fuß zertritt (Verheißung an den König: Ps 110,1 »Setze dich zu meiner Rechten bis ich deine Feinde zum Schemel deiner Füße mache«).
Rechts davon sind die Evangelisten Lukas (mit dem Stier) und Johannes (mit dem Adler). Links davon Markus (mit dem Löwen) und Matthäus (mit dem Engel oder Menschen). Die vier Evangelisten haben in ihren vier Evangelien (= gute Nachricht) die Geschichte(n) von Jesus Christus aufgeschrieben.
Auf dem Medaillon links neben der Tür steht ein Pauluszitat aus 2Kor 4,5: »Wir predigen nicht uns selbst sondern den auferstandenen Christus.« Auf dem rechten findet sich ein Zitat aus dem Alten Testament (Ps 22,23): »Ich will deinen Namen predigen meinen Brüdern.« Unter dem Schalldeckel ist in einer typisch barocken Wolke im Strahlenkranz der hebräische Gottesname (יהוה). Dessen Geist soll über dem Prediger schweben und ihn inspirieren.
Oben auf dem Schalldeckel thront der auferstandene Christus mit dem Strahlenkranz.

Fenster

Hergestellt von der Hofglasmalerei Franz Riess, Dessau. Eine Stiftung von Bertha Franz, in Erinnerung an den Königlichen Sanitätsrat Ernst Franz 1902.
Die Frauen am Grab (Mk 16) Jesu Taufe durch Johannes den Täufer Auferstehung Himmelfahrt Noli me tangere (Joh 20)

Grabmale und Epitaphien

Grabmal für Hedwig Schröter;
Andreas Schultze zugeschrieben.
Sandstein 1652.
Das einzige Epitaph in der Kirche ist Margareta von Wutenau gestiftet.
Ein Epitaph ist praktisch ein in ein Bild gebannter Seitenaltar, auf dem dauerhaft eine Seelenmesse für die Verstorbene gelesen wird bzw. Fürbitte gehalten wird. Während auf den Grabmalen eine Würdigung des Verstorbenen zu finden ist, ist das wesentliche Element eines Epitaphs das Gebet.
Ich weis das mein Erlöser lebet,
und er wirt mich hernach aus der Erden aufferwecken. IOB AM 19 CAP [Hiob 19,25]
ANNO 1585 DEN 8 AVGVSTI IST IN GOT VERSCHIEDEN DIE EDLE ERBARE UND [VII] TVGENTSAME FRAV MARGRETA DES GESTRENGEN UND EHRENVESTE[N] IOCHIM [von] WUTENAW EHLICHE HAVS FRAU UND LEIDT [= liegt] ALHIR VOR DER KIERCHE BEYGRABEN.
 
Die Inschriften der Grabplatte vor dem Kanzelaufgang sind schon in der Caspar-Schulze Chronik als Fragment bezeichnet und folgendermaßen transkribiert:
»GOTT zu Ehren und christlichem Andenken des ehrenfesten Vorachtbaren und Wohlweisen Herrn Andreas Teuffel, welcher den 16ten November Anno 1591 zu Freybergk geboren, nachmals in Chur und Fürstlichen Sächsischen Diensten zu Dresden und Lichtenburgk etliche Jahre lang gewesen, aber von da anhero zum Churfürstl. Sächs. Geleitsmann verordnet und darauf in einem Jahr zum Heiligen Ehestand geschritten und in demselben eine einige Tochter, Frau Hedwig, Herrn Paul Schrödters Med. Licent. und Physici zu Torgaw ...« Seine Witwe hatte die Kanzel verfertigen und setzen lassen (Inschrift Aufgang).

Grabstein am letzten Pfeiler auf der Südseite:
Herrn Johann George Lindner, Bürgermeister, Steuerbeauftragter, von Beruf Seifensieder
16. April 1729 - 22. Oktober 1772
1772 Sandstein
Krone und Engelsköpfe über Vitentafel
 
     

Gewölbe

Es ist davon auszugehen, dass der ältere Chor erst nach längerer ungewölbter Standzeit im ersten Viertel des 15. Jh. eingewölbt und in diesem Zusammenhang mit Malerei geschmückt worden ist (Dehio 2000: 1415). Die Überlegung liegt nahe dass zu diesem Zeitpunkt die Westhälfte der Kirche noch nicht vorhanden, zumindest nicht vollendet war. Sie wird meist pauschal als »etwas jünger« eingestuft. Für die Ausmalung insgesamt ist »böhmischer Einfluss ... vorherrschend, Zusammenhänge mit den Malereien der Brandenburger Katharinenkirche und der Jüterboger Nicolaikirche sind wahrscheinlich.« (Badstübner 2000, 331).
Die Gewölbeausmalung der Stadtkirche ist die einzig vollständig erhaltene Gewölbeausmalung einer städtischen Pfarrkirche des späten Mittelalters.
Seit etwa 1985, insbesondere aber nach 1990, fand eine umfangreiche Instandsetzung und Restauration der Kirche, beim Turm und Dach beginnend, statt.
Die mittelalterlichen Deckenmalereien wurden dabei analysiert und soweit erforderlich, fixiert. Sie befinden sich nachweislich noch im Originalzustand. Dies ist ein wichtiger Grund für die Einstufung des Gotteshauses als Denkmal von nationaler und europäischer Bedeutung.

Gewölbemalereien im Überblick
Bei den Gewölben im Mittelschiff handelt es sich um sogenannte Parallelrippen-Netzgewölbe. Sie zählen hier zu den frühesten deutschen Nachfolgern des von Peter Parier 1386 vollendeten Prager Domchorgewölbes.
Wir finden hier ein nahezu vollständiges, original erhaltenes Programm mittelalterlicher Gewölbemalerei vor (Böhmische Schule).
Datierung der ersten vier östlichen Joche um 1410/15:
1. Gewölbejoch - 7 Apostel
2. Gewölbejoch - Christus als Weltenrichter - Symboltiere der Evangelisten Engel blasen die Posaunen des jüngsten Gerichtes
3. Gewölbejoch - Lamm Christi umgeben von Gestalten des Alten Testamentes
4. Gewölbejoch - Apostel Judas Thaddäus umgeben von Propheten
Gurtbogen Wappen (Markgrafschaft Landsberg, Meißen und Thüringer Löwen, Kurschwerter, Adler der Pfalz, Thüringen, Hirsch, seit 1391 im Herzberger Wappen)

Datierung der beiden westlichen Gewölbejoche um 1430:
Die Gemälde des 5. und 6. Jochs knüpfen inhaltlich an das Gewölbejoch-Programm des Ostteils an. Das 7. Gewölbejoch wird auf die Jahre 1709/10 datiert und zeigt den Kampf des Michael mit dem Drachen.