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Christliche Bestattungskultur

Was erzählen unsere Friedhöfe?

Neue Grundentscheidung auf dem Herzberger Friedhof

An der Art, wie Menschen ihre Toten bestatten, erkennt man eine Kultur, heißt es. Bestattungen und Friedhöfe sind ein Spiegel einer Kultur. Über das Weltbild der Ägypter erzählen die Pyramiden oder der Grabraum des Sennudjem (Abb. unten), das prächtige Kyrosgrab in Pasargadae im Iran (Abb. links) über die Bedeutung der toten Könige im Persischen Großreich (539-330 v. Chr.). Die Schweigetürme berichten von der Religion der Parsen. Steingräber mit Gemüse in der zoroastrischen Religion von der Gegenwart der Seele bis zum 40. Tag nach der Bestattung. Das Gräberfeld der Juden in Jerusalem, das sich gegenüber dem Tempelberg befindet, kündet von der jüdischen Messiashoffnung. Die Bestattungsrituale der Moslems bezeugen den islamischen Glauben. Christliche Gräber sind in der Regel geostet und erzählen vom Glauben an die Auferstehung Christi. Dazu kommen Grabinschriften und Bilder, die etwas über die Lebenseinstellung der Verstorbenen oder ihrer Hinterbliebenen preisgeben.
Nachdem der Tod jahrzehntelang in unserer Gesellschaft tabuisiert worden war, wird inzwischen wieder offener über Tod und Trauer geredet. Bestatter richten zunehmend Abschiedsräume ein, in denen die Angehörigen noch einmal in Ruhe mit dem oder der Verstorbenen allein sein können. Hospize thematisieren das Sterben und reden offen mit den Betroffenen darüber. Eine starke Individualisierung im Umgang mit Tod und Sterben zeichnet sich ab. So zum Beispiel in dem zunehmenden Bedürfnis, Trauerfeiern und Bestattungsrituale mitzubestimmen und damit der persönlichen Beziehung der Familie zum Verstorbenen einen liebevollen Ausdruck zu verleihen und seine Einzigartigkeit zu betonen. Möglicherweise ist dies eine Gegenbewegung zur lange verbreiteten Delegation des Todes an die anonyme und professionelle Öffentlichkeit der Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen und Bestattungsinstitute.
Gleichzeitig lässt in den Fällen, in denen keine Familie (mehr) vorhanden ist, die Individualisierung die Zahl der »anonymen Bestattungen« in auffälliger Weise zunehmen. Je stärker die Gesellschaft vergreist, je mehr Einpersonenhaushalte es gibt, desto eher mündet die Einsamkeit der letzten Lebensjahre in eine »anonyme Bestattung«. Beispiele dafür sind das Verstreuen der Asche auf der »grünen Wiese« oder die Seebestattung. Das Grab ist nicht lokalisierbar, die Spur des Verstorbenen in der Welt ausgelöscht, sofern er keine bleibenden Werte wie Bücher oder Skulpturen geschaffen hat. Nüchtern betrachtet geht es sachlich dabei meist um finanzielle Gründe oder um die Angst der Alten, ihren Nachkommen mit der Grabpflege zur Last zu fallen. In etlichen Fällen zeigt sich für die Angehörigen erst im Nachhinein, dass die Wahl einer anonymen Bestattung ein Fehler war. Viele Menschen bekommen Schwierigkeiten mit der Bewältigung ihrer Trauer. Sie sehnen sich nach einem Ort, an den sie gehen können, um zu trauern. Ein konkreter Erinnerungsort, ein identifizierbarer Grabstein hat für nicht wenige Menschen zentrierende und darum heilende Bedeutung. Ferner hat die starke Individualisierung in unserer Gesellschaft auch eine Kehrseite, denn jeder Mensch bleibt eine öffentliche Person. Die Öffentlichkeit von Bestattungen darf nicht Prominenten vorbehalten sein! Gerade im Zeitalter der Patchworkfamilien, der Wahlfamilien, der persönlichen Beziehungen, von denen die Angehörigen keine Ahnung haben, ist es wichtig, öffentliche Trauerorte zu haben, an denen Abschied genommen werden kann, wenn eine Bestattung im engsten Familienkreis geschehen ist. Wie viele Freunde, ehemalige Arbeitskollegen oder ferne Verwandte kommen zu uns, um nach Gräbern zu fragen; und wie oft müssen wir sie auf die »grüne Wiese« verweisen. Für sie ist es schwer, den Tod überhaupt zu realisieren.
Die christlichen Kirchen
stehen deswegen den anonymen Bestattungen kritisch gegenüber. Nach dem neuen Friedhofsrecht unserer Kirche sind darum anonyme Bestattungen auf kirchlichen Friedhöfen nicht mehr zulässig.
Für Herzberg tritt diese Regelung ab 1. 1. 2012 in Kraft.
Von der christlichen Glaubensgewissheit aus gesehen sind Fragen der Bestattungskultur zwar Nebensache, insofern das Evangelium die Zusage ist, dass kein Leben verloren geht, unabhängig von aller innerweltlichen Erinnerungskultur. Der christliche Glaube sieht aber in der Bestattungskultur von alters her ein »Werk der Barmherzigkeit«. Die Identität eines Menschen verkörpert sich in seinem Namen. Sein unendlicher Wert ist in der Gottesbeziehung verankert (Jes 43,1). Darum ist der Name am Grab für uns ein Symbol der Würdigung seines Lebens. Er steht beziehungsloser Einsamkeit und einer entsprechend beziehungslosen »Entsorgung« des Leichnams entgegen. Wir haben versucht, den beschriebenen Tendenzen in der neuen Friedhofssatzung Rechnung zu tragen. Zwar wird es die anonyme Bestattung auf dem Herzberger Friedhof nicht mehr geben. Wir haben uns aber bemüht, eine nur geringfügig kostenintensivere Alternative zu ermöglichen: dem einst »anonymen« Urnenbestattungsfeld wird eine Stele beigefügt, auf der künftige Emailleschilder mit den Namen, sowie Geburts- und Sterbejahr der Verstorbenen aufgeführt werden. Das nachträgliche Anbringen einer solchen kleinen Tafel ist auf Antrag bei der Friedhofsverwaltung möglich. Ferner haben wir mehrere neue Möglichkeiten von Urnengemeinschaftsgrabanlagen geschaffen, die praktisch ein namentlich gekennzeichnetes Grab innerhalb eines Grabkomplexes vorsehen. Die Pflege dieser Grabanlagen liegt in der Hand des Friedhofs. Die Angehörigen sind somit von der Grabpflege entlastet. So wird eine Rosengrabanlage entstehen, ferner die Möglichkeit von Baumbestattungen.
Wir hoffen, dass wir Ihnen damit nicht Perspektiven verschließen, sondern öffnen, und Ihren Bedürfnissen entgegenkommen.

Pfarrerin Jutta Noetzel